16
Jun 2008

Eine Kurzgeschichte

Ich dachte, der Schmerz würde aufhören

Vögel schrien, als ein Schuss ertönte. Seine Hand zitterte, mit der er die Pistole festhielt. Mit verkrampften Blick starrte er auf den am Boden liegenden Mann, dessen Blick immer leerer wurde. Bis er sich schließlich nicht mehr rührte. Er ließ die Pistole sinken. Sein Blick wanderte über die Leiche von Frank Ridsch und blieb an der Stelle hängen, wo die Kugel den Körper des Mannes durchbohrt hatte. Mitten ins Herz. Genau da, wo es immer am meisten weh tut. Er lächelte. Endlich kann er niemandem mehr etwas tun.

Er steckte die Pistole ein und vernichtete die Beweise. Dann ging er zufrieden davon. Er atmete tief durch und ließ den Blick in der Gegend umherschweifen. Gut , dass es keine Zeugen gab. Aber es musste sein – für sie! Er taumelte umher, in seine Gedanken vertieft. Warum hatte dieser Mörder das nur getan?! Sie war doch alles, was er hatte, sein Herz. Die Polizei wollte mir ja nicht helfen! Aber jetzt hab ich es ja getan, für sie, mein Herz. Er kam zu Hause an, betrat seine kalte Wohnung, die ihm unsagbar leer erschien. Wo ist sie? Sie ist tot, mein Ein und Alles, musste er sie mir auch noch wegnehmen? Er brach zusammen unter der Last des Lebens. Sie hatte ihm immer die Kraft gegeben weiter zu arbeiten. Doch jetzt ist sie weg.

Hatte es überhaupt noch einen Sinn zu leben? Es tut so weh, aber der Schmerz wird nachlassen, schließlich ist er tot. Er saß nun am Küchentisch und las Zeitung. Auf dem Titelblatt war das Gesicht eines Mannes abgebildet, er hasste es! Darunter stand: „Kinderschänder Frank Ridsch. Wir suchen ihn. Hohe Belohnung für den Finder“ … Er warf die Zeitung gegen die Wand, „Ja, finden wolltet ihr ihn! Dann ein paar Jahre einsperren und dann ist er wieder frei!“ schrie er wütend auf. Er rannte durch die Wohnung. Bis er sich dann vor seiner Schlafzimmerkommode fallen ließ. Er starrte auf das eingerahmte Bild. Tränen rollten seine Wangen hinunter. Und man sagt doch immer, Männer können nicht weinen. Das dachte ich auch, doch dann nahmen mir sie gleich zwei Stücke meines Herzens hintereinander. Aus dem Rahmen hinaus strahlte ein kleines Mädchen, das in den Armen einer erwachsenen Frau lag. Es war ihr erster Schultag. Eine weitere Träne rollte seine Wange runter. Ich dachte, der Schmerz würde aufhören. Warum habt ihr mich nur allein gelassen, ich weiß nicht mehr weiter! Lohnt es sich überhaupt noch zu leben?

Das Telefon klingelte, er hob ab. „Jocker“ sagte er. „Hallo, Herr Jocker. Hier ist die Kriminalermittlung. Wir müssen Ihnen dringend ein paar Fragen stellen!“, Ein Schauer lief ihm über den Rücken. „Okay“, antwortete er zögernd. „Wo waren Sie vor 2 Stunden?“ Er überlegte kurz und antwortete „Zu Hause.“ „Kann das jemand bestätigen?“ Er war nervös, dennoch war er überzeugt davon, das Richtige getan zu haben. „Nein…Nein, nicht das ich wüsste. Warum wollen Sie das wissen?“, fragte er nach.

„Reine Routine und wir haben noch eine Frage. Wo wurde ihre Tochter angegriffen?“ Ein Kloß steckte in seinem Hals. „Auf ihrem Schulweg“, antwortete er schnell. „Okay, das war´s schon, danke schön und wir versichern Ihnen, wir kriegen den Mörder!“, verabschiedete sich der Polizist und legte auf. Es war ruhig.

Der Verlust von ihr pochte wieder in seinen Adern, genau so wie Wut. Er nahm alles, was um ihm stand, warf es gegen die Wände. Er schrie und wollte sich nicht mehr beherrschen. Sein Herz war nur bei ihr. Er wollte so gerne bei ihr sein, doch sein Leben, seine Arbeit und vieles mehr band ihn an diese Welt! Schließlich rannte er die Treppen im Treppenhaus hoch bis aufs Dach.

Er stand nun ganz weit oben über dieser großen Stadt. „Spring!“ ríef sein Herz ihm zu und wieder „Spring“. Aber der Mörder war doch tot, er hatte sie doch gerächt! Er musste doch nicht … „doch, doch“, sagte er sich immer wieder. „Ich dachte, der Schmerz würde aufhören. Spring, Spring für dein Herz.“ Und er nahm Anlauf …

von Samantha Fasel (ehemalige Schülerin)